Der spezialisierte Anwalt

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Die Frage ist aus dem allgemeinen Sprachgebrauch schon gar nicht mehr wegzudenken: Worauf sind Sie denn spezialisiert?

Im Urlaub, bei Bekannten oder bei einem Opernbesuch, einmal als Anwalt identifiziert, hat man auf diese Frage Rede und Antwort zu stehen. Doch wie? Man erinnert sich an die Präambeln zu den Prüfungsordnungen in den abgelegten Staatsexamina. Hieß es dort nicht immer, geprüft werden soll die Fähigkeit des jungen Juristen, sich schnell, präzise und umfassend auch in Rechtsgebiete einzuarbeiten, mit denen er nicht alltäglich zu tun hat. Wissen dies die Leute denn nicht? Andererseits kommt bei der Frage Respekt auf, nämlich vor der Befürchtung des Fragestellers, mit seinem wichtigen Problem nicht den richtigen Ansprechpartner zu finden. Der Fragende weiß, daß die rechtlichen Anforderungen, die eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft stellt, vielfältig sind. Es ist richtig, daß es Rechtsgebiete gibt, die sich nur Juristen erschließen, die sich lang und sehr intensiv mit diesen Gebieten beschäftigt haben. Es ist aber ebenso wichtig, zu wissen, daß die Vermutung des Publikums für jedes Problem, das sich in rechtlicher Hinsicht stellt, "der Spezialist" gefunden werden muß. Wir hatten Ihnen schon in unseren Willkommensgrüßen unsere Auffassung zu den übrigen Merkmalen mitgeteilt, die eine Anwaltskanzlei erfüllen muß, um dem Vertrauen, das der Mandant "seinem Anwalt" entgegenbringt, gerecht werden zu können.

Hierzu gehört es gerade nicht, dem Mandanten zu vermitteln, etwa bei einem Rechtsproblem, das sich aus einem gescheiterten Autokauf ergibt, sei er nur dann gut aufgehoben, wenn er den Anwalt beauftragt, der etwa überwiegend mit dem Recht des Autokaufs beschäftigt ist. Wir beobachten im Rahmen unserer täglichen Praxis sehr häufig, daß der ein oder andere Mandant hier durchaus Verwechslungen zum Opfer fällt. So übersieht ein Mandant leicht, daß die "rechtliche Problematik" beispielsweise dem Familienrecht zuordnet, weil er geschieden werden will. Im Laufe des Scheidungsverfahrens kommt es dann aber plötzlich und unerwartet zu einer güterrechtlichen Auseinandersetzung. Gestritten wird beispielsweise über die gemeinsame Firma der Eheleute. Und siehe da: Schon verlassen wir den Bereich des Familienrechts und befinden uns im Recht etwa der Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Soll nun etwa der Mandant den Anwalt wechseln, weil doch der Spezialist für das Familienrecht die anstehende Frage aus dem Recht der GmbH nicht beantworten kann? So ist es natürlich nicht. Tatsächlich ist es nicht nur in dem von uns gewählten Beispiel, sondern häufig so, daß ein Fall mehrere Rechtsgebiete berührt, ohne daß etwa ein Anwalt mit solidem Rüstzeug überfordert wäre.

Mit einem Wort: Es ist tatsächlich so, daß der "Spezialist" in den seltensten Fällen tatsächlich gesucht und gefunden werden muß. Wir beobachten mit einiger Sorge die Abkehr des Publikums von dieser bis vor kurzem allgemein gesicherten Erkenntnis. Letztlich hat der Mandant Nachteile dadurch, wenn er sich etwa für jedes seiner Probleme den passenden "Spezialanwalt" heraussucht, denn er begibt sich der Möglichkeit, über die Zeit ein Vertrauensverhältnis zu seinem Anwalt aufzubauen. Bereits in dem Link "Willkommensgrüße" und in den Ausführungen zu den Schwerpunkten unserer Tätigkeiten hatten wir Sie darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, Vertrauen zu demjenigen aufzubauen, der die wichtigen rechtlichen Probleme, die man nun einmal hat, effektiv vertreten soll.

Nicht von ungefähr hat der Gesetzgeber dies auch zum Ausdruck gebracht, in dem er § 3 der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) formuliert hat:

§ 3
Recht zur Beratung und Vertretung


  1. Der Rechtsanwalt ist der berufene unabhängige Berater und Vertreter in allen Rechtsangelegenheiten.

  2. Sein Recht, in Rechtsangelegenheiten aller Art vor Gerichten, Schiedsgerichten oder Behörden aufzutreten, kann nur durch ein Bundesgesetz beschränkt werden.

  3. Jedermann hat im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften das Recht, sich in Rechtsangelegenheiten aller Art durch einen Rechtsanwalt seiner Wahl beraten und vor Gerichten, Schiedsgerichten oder Behörden vertreten zu lasen.



Natürlich gibt es das Bedürfnis einer durchaus nicht kleinen Zahl von Rechtsanwälten im Rahmen des Erwerbs eines Fachanwaltstitels, besondere Kenntnisse in einem bestimmten Rechtsgebiet auch zu dokumentieren. In jüngster Zeit bestehen politische Bestrebungen, dem von uns mit Sorge beobachteten Wunsch der Bevölkerung nach dem "Spezialisten" dadurch nachzukommen, daß die Gebiete, auf denen der Titel des Fachanwalts erworben werden kann, erweitert werden. Wenn Sie zum Stand der diesbezüglichen Diskussion einen Einblick haben möchten, lesen Sie bitte die Ausführungen von Herrn Rechtsanwalt Reök zum derzeitigen Stand dieser Thematik.

Unsere Meinung ist jedenfalls, daß die Gefahr besteht, daß das Publikum die Kompetenz des Rechtsanwalts an sich und die Bandbreite seiner Fähigkeiten unterschätzt. Wir halten dies für schädlich im Sinne des in hohen Maße vorhandenen Bedarfs von Privat und Gewerbe nach guter Beratung und Vertretung.

Ion Makris und Andras Reök

Düsseldorf, im Januar 2000
     

   

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